DER HEADCOACH IM INTERVIEW

Alle Spieler sind pünktlich eingetroffen, die Vorbereitung auf die easyCredit BBL-Saison 2019/2020 hat in der vergangenen Woche begonnen. Für Denis Wucherer ist es sein zweites Jahr als Headcoach von s.Oliver Würzburg – im ausführlichen Interview zum Start in die Vorbereitung spricht der Cheftrainer über seinen Sommer, das Team und die Ziele für die kommende Spielzeit.


Denis, du hast kürzlich mal gesagt, dass ein Basketball-Trainer eigentlich nie Urlaub hat und immer arbeitet. Wie war dein Sommer?

„Die Zeit zwischen unserem letzten Saisonspiel und dem Start zur Vorbereitung war ziemlich lang, aber auch intensiv. Wir dachten eigentlich, dass wir die Mannschaft relativ frühzeitig zusammengestellt hätten. Dann hatten wir aber plötzlich Verletzungen und mussten noch zweimal darauf reagieren. Als Vater eines Sohnes, der in Bayern zur Schule geht, habe ich vor der Vorbereitung die ersten zehn Tage im August Zeit, um in Urlaub zu fahren. Diese zehn Tage sind dann durch die Nachverpflichtungen wieder ziemlich intensiv geworden. Ich bin aber trotzdem gut erholt und voller Energie und freue mich auf die kommenden Aufgaben.“


Lass' uns mit dem Abstand von drei Monaten noch einmal einen kurzen Rückblick auf deine erste Saison in Würzburg werfen. Wie zufrieden bist du aus heutiger Sicht?

„Ich denke, wir können unter dem Strich sehr zufrieden sein. Natürlich hatten wir im Vorfeld unsere Zielvorstellungen ziemlich offensiv formuliert, wir wollten in die Playoffs. Am Ende hat dafür nicht viel gefehlt, aber in Verbindung mit dem starken Abschneiden im FIBA Europe Cup war es trotzdem eine erfolgreiche Saison. Die Zusammenstellung und Entwicklung der Mannschaft hat gepasst, auch die Spielkultur, die wir etablieren wollten. Das Team ist zusammengewachsen, dadurch haben sich dann auch die Erfolge eingestellt. Hinten raus hat es dann vielleicht an der einen oder anderen Verletzung gelegen, dass wir in der Liga einen Sieg zu wenig eingefahren haben. Insgesamt war es eine Saison, die uns Spaß gemacht hat und auf die wir stolz sein können.“


Gibt es in der Rückschau Dinge, die du im Nachhinein anders machen würdest?

„Wir werden in diesem Jahr versuchen, besser in die Saison zu starten. Der holprige Start mit den Niederlagen in Göttingen und zuhause gegen Gießen hat uns am Ende weh getan. Wir wollen die Vorbereitung besser steuern. Im letzten Jahr haben wir gegen starke Gegner im Trainingslager in Bormio fast schon zu gut gespielt, und dann haben wir durch die beiden Niederlagen gegen Bamberg zum Saisonstart etwas den Rhythmus verloren. Das wollen wir in diesem Jahr besser machen, deswegen ist die Vorbereitung auch ein paar Tage kürzer. Wir wollen mit sehr viel Energie in die ersten Spiele gehen.“


Du hast schon angesprochen, dass durch die Verletzungen von Lis Shoshi und William Sheehey kurz vor dem Start in die Vorbereitung noch einmal viel Arbeit für dich und Kreso Loncar entstanden ist. Wie schwierig ist es, in so einer Situation noch einmal zwei passende Puzzleteile zu finden?

„Spieler zu finden ist zu diesem Zeitpunkt nicht das Problem. Es ist fast schon verrückt, wie viele Spieler im August noch auf dem Markt sind. Deutlich schwieriger ist es, die Spieler zu finden, die auch in unser Konzept und zu der Art und Weise passen, wie wir spielen wollen. Es war keine ganz einfache Aufgabe, noch zwei Verstärkungen zu finden. Da müssen viele Spielerlisten durchgegangen und es muss mit vielen Agenten gesprochen werden, um in relativ kurzer Zeit Spieler zu finden, die zu uns passen. Wir wollten zum Start in die Vorbereitung unbedingt komplett sein.“


Neben U20-Nationalspieler Nils Haßfurther aus Nürnberg hat mit Jonas Weitzel auch ein junger Spieler aus unserer ProB-Mannschaft den Sprung in den erweiterten Bundesliga-Kader geschafft.

„Jonas hat in der ProB starke Leistungen abgeliefert und mit dafür gesorgt, dass unser Farmteam trotz vieler Verletzungen und Widrigkeiten einen guten Job gemacht und den Klassenerhalt geschafft hat. Es blieb uns gar nichts anderes übrig, als ihn zu belohnen und weiter zu fördern. Zusammen mit Fynn Fischer wird er regelmäßig mit uns trainieren und im erweiterten BBL-Kader sein. Dadurch hat er die Möglichkeit, sich weiter zu entwickeln und zusammen mit Fynn in der ProB noch stärkere Leistungen zu zeigen und mehr Verantwortung zu übernehmen. Außerdem können beide aufrücken, wenn wir auf den deutschen Positionen Verletzungsprobleme bekommen sollten.“


Die Spieler sind jetzt seit einigen Tagen im Training, hatten ihre Medizin-Checks und die Leistungsdiagnostik am Sportzentrum der Uni Würzburg. Wie sind die Jungs drauf, sind alle fit?

„Wir haben inzwischen das Feedback von der Universität bekommen. Die Grundfitness ist bei allen Spielern da, und sie sind alle auf einem relativ gleichen Level. Das macht die Trainingssteuerung für uns und auch für unseren Athletik-Coach Philipp Burneckas in den nächsten Wochen deutlich einfacher. Die Spritzigkeit fehlt noch ein wenig, daran werden wir arbeiten. Es hilft uns natürlich, dass wir die Mannschaft im Kern zusammenhalten konnten und nur wenige Spieler ersetzen mussten. Das macht uns Coaches das Leben leichter, weil die Neuen schnell integriert werden und wir darauf aufbauen können, was wir im letzten Jahr gemacht haben. Das hat sich in den ersten Tagen bereits dadurch bemerkbar gemacht, dass wir viel schneller in die Details gehen konnten. Die Stimmung ist gut, die Jungs hatten jetzt auch lange genug frei. Sie haben sich im Sommer nach unseren Trainingsplänen fit gehalten, wir waren natürlich in ständigem Kontakt. Entsprechend gut ist der körperliche Zustand. Alle sind froh, wieder hier zu sein, bekannte Gesichter zu sehen und wieder ihrem Job nachzugehen. Es war vom ersten Moment an zu spüren, dass die Jungs mit viel Freude in die Halle kommen.“


Wie wichtig ist es, gerade im Spielaufbau auf dieselbe Besetzung wie in der letzten Saison bauen zu können?

„Ich gehe mit Cameron Wells inzwischen in die fünfte Saison, bei Skyler Bowlin ist es die dritte. Wenn man dann noch die Möglichkeit hat, einen Spieler wie Jordan Hulls zu halten, muss man nicht lange überlegen. Wir haben damit drei Jungs, die genau wissen, was wir Coaches von ihnen wollen. Sie haben unsere Philosophie und Spielkultur verstanden und geben sie an die anderen Spieler weiter, gerade an die Neuzugänge. Dazu kommt Joshua Obiesie, der schon in der letzten Saison viel mit uns trainiert und gespielt hat und die Systeme kennt. Zusammen mit Nils Haßfurther als Neuzugang ist das eine ziemlich gute Kombination, die wir auf den Guardpositionen haben.“


Wird sich durch die Neuzugänge am Spielsystem etwas ändern?

„Wir haben vielseitige Spieler rekrutiert, die eine gewisse Athletik und einen stabilen Wurf mitbringen und sich auch ohne Ball gut bewegen. Ein Hauptaugenmerk lag darauf, dass sie in unser System passen und Dinge wie Timing und Spacing verstehen, die im modernen Basketball wichtig sind. Ich denke, dass wir dafür die richtigen Leute gefunden haben. An unserer Spielweise wird sich also nicht viel ändern.“


Anders als im letzten Jahr nehmen wir nicht am Europapokal teil. Ändert sich dadurch etwas an der Saisonvorbereitung? Wird es mit nur einem Spiel pro Woche schwieriger, die Jungs während der Saison bei Laune zu halten?

„Für uns Trainer und die Spieler ist es schade, dass wir in dieser Saison nicht international spielen, obwohl wir uns mit Platz neun in der Liga sportlich dafür qualifiziert haben. Wir hatten viel Freude am FIBA Europe Cup, die Auswärtsreisen in den Gruppenphasen haben der Mannschaft gerade nach unserem holprigen Start in punkto Zusammenhalt und Teambuilding sehr geholfen. Wir werden sehen, wie wir das auffangen, wenn die Saison begonnen hat. Die Trainingssteuerung wird dann natürlich eine ganz andere werden. Wir werden mehr Zeit für Regeneration und Training haben und uns besser auf die Gegner vorbereiten können. Andererseits darf man dann aber auch nicht zu viel trainieren. Es wird spannend, wie wir die zusätzliche Zeit nutzen werden. Als Club wollen wir dahin kommen, an einem europäischen Wettbewerb teilzunehmen, wenn wir uns dafür qualifiziert haben. Das ist der nächste Schritt, den unsere Organisation tun wird. Es ist kein Selbstläufer, in einer starken Liga wie der easyCredit BBL Siebter, Achter oder Neunter zu werden. In dieser Saison wird aus dem unteren Mittelfeld mehr Druck kommen, weil überall finanziell aufgestockt wurde.“


Du hast vom holprigen Saisonstart im letzten Jahr gesprochen. Das Auftaktprogramm mit dem Auswärtsspiel in Oldenburg, dem Pokal-Achtelfinale in Berlin und dann mit zwei Oktober-Heimspielen gegen Meister und Vizemeister hat es auch in diesem Jahr ganz schön in sich … 

„Es ist völlig ok, wenn wir schon am Anfang die Knaller haben. Wir werden gut vorbereitet sein und versuchen, auch diese Spiele zu gewinnen. Wenn uns das nicht gelingt, müssen wir aber auf jeden Fall in den Spielen dazwischen – zuhause gegen Göttingen und den MBC und in Bayreuth – bereit sein und uns von Anfang so präsentieren, dass wir nicht wieder frühzeitig einem Rückstand hinterherlaufen und am Ende die Möglichkeit haben, die Siege einzufahren. Prinzipiell ist es aber egal, wer kommt. Ich glaube, du hast mittlerweile in jedem Spiel eine Chance, wenn du dich gut vorbereitet hast, die Spieler ihren Job gut machen und einen guten Tag erwischen. Dann ist es auch egal, ob du zuhause gegen Bayern spielst oder auswärts bei einem vermeintlich leichteren Gegner. Wir werden mehr Zeit haben, um uns intensiver auf die Gegner vorzubereiten. Ich denke, dass wir eine Mannschaft haben, die das auch nutzen kann. Das müssen wir aber im Detail noch herausfinden. Es hat uns im letzten Jahr auch nicht geschadet, wenn wir vom Europapokal zurückgekommen sind und am nächsten Tag gleich wieder ein BBL-Spiel hatten.“


Zu guter Letzt: Dein persönliches Saisonziel?

„Es ist das Ziel von uns Coaches und von allen Spielern, am Ende noch dabei zu sein, wenn mehr als die Hälfte der Liga in den Urlaub fährt. Ich glaube an unser System und an die Arbeit, die wir bei der Zusammenstellung der Mannschaft geleistet haben. Ich glaube auch an unsere Jungs und an die harte Arbeit, die wir jeden Tag investieren. Ich denke, dass wir mit dieser Mannschaft erfolgreich spielen werden. Für welchen Platz das dann am Ende reichen wird, hängt unter anderem davon ab, wie sich die anderen Mannschaften präsentieren und wie gesund wir im Verlauf der Saison bleiben.“

Zurück
Denis Wucherer beim Trainingsauftakt.
Foto: Steffen Wienhold